Der Algonquin Park - riesiges Naturreservat im Norden Ontarios und größter Provinzpark Kanadas - bietet ein unglaubliches Angebot an Wander- und Paddeltouren. Bei meinen bisherigen Ausflügen habe ich allerdings immer nur einen kleinen Streifen - entlang des Highway 60, der den Park durchschneidet - erkundet. Mit dieser Tour, die uns in die tiefen des Parks führen wird, wird sich dies ändern. Diesmal sind Christoph, mein Mitbewohner, und Geraldine und Jochen, Freunde aus Deutschland, dabei. Wir haben uns fünf Tage genommen, um mit Kanus einen kleinen Teil des gigantischen Seensystem des Parks zu erfahren. Fünf Tage, die wir von der Außenwelt, der Zivilisation und dem Alltag abgeschnitten sein werden.

Samstag, 2. Juni 2001

Wir wollen die Zeit gut nutzen und haben uns vorgenommen, die fünf Tage voll auszuschöpfen. Im aller Frühe stehen wir auf und beladen den Wagen. Die Kanus haben schon am Tag zuvor abgeholt und so sind wir um 7:30 Uhr abfahrbereit.

Nebel hängt über den Feldern des County Waterloo, als wir gen Norden starten. Die Farmen reihen sich entlang der Straße, es herrscht kaum Verkehr um diese Zeit.

Etwa 3 Stunden später erreichen wir Huntsville, wo wir noch einige Ausrüstung besorgen, bevor Richtung Park weiterdüsen.

Gegen 2 Uhr erreichen wir den Canoe Lake von wo aus unsere Kanutour beginnen soll. Es ist bewölkt, aber ab und zu kommt die Sonne auch mal durch.

Schnell sind die Kanus abgeladen und bepackt. Wenig später sind wir dann endlich auf dem Wasser, bereit den Stress und die Zivilisation hinter uns zu lassen.

Wir paddeln den Canoe Lake hinauf, vorbei an zahlreichen Cottages, die sich am Ufer des Sees aufreihen.

Am nördlichen Ende schlagen wir den Weg Richtung Joe Lake ein.

Die erste und einzige Portage dieses Tages ist nur 300 Meter lang, aber mit zwei voll bepackten Kanus hat man ordentlich zu schleppen. Allein das Essen nimmt zwei Rollsäcke ein, aber daran sollte man schließlich auch nicht sparen ;-)) Als wir die Kanus wieder zu Wasser lassen haben wir auch gleich unsere erste Tierbegegnung. Ein Otter schwimmt im Joe Lake umher, verdrückt sich aber recht schnell, als er uns kommen hört. Außer uns sind noch zahlreiche andere Kanugruppen unterwegs und an der Portage herrscht ein reger Verkehr. Wir hoffen darauf, dass es später etwas ruhiger wird und nicht mehr so viele Besucher unterwegs sind. Nach einer halben Stunde Paddeln gelangen wir auf den Tepee Lake, an dessen Westufer ein Feriencamp errichtet ist. Von hier aus gelangen wir auf den Fawn Lake, der eigentlich weniger ein See denn ein natürlicher Kanal ist, der uns zum Littledor Lake führt. Unterwegs zeigt uns Jochen noch schnell, wie ein sterbender Schwan auf dem Wasser laufen kann.

Am späten Nachmittag erreichen wir schließlich den Tom Thompson Lake an dessen Ufer unser erstes Nachtlager liegt. Als wir uns dem Ufer nähern zeigt sich recht schnell, dass die Mücken und Moskitos Hochsaison haben. Glücklicherweise haben wir uns auf diese Situation eingestellt und Mückenmittel mitgebracht. Ein stetiges Summen im Hintergrund bleibt uns neben den dennoch zahlreichen Stichen den Abend lang erhalten. Es sieht nach Regen aus und als wir die Zelte aufbauen fallen auch einige Regentropfen.

Die Suche nach Feuerholz gestaltet sich schwierig. Der Campingplatz liegt noch im dem Bereich, der von vielen Wochenendtourern bevölkert wird und dementsprechend ausgelesen ist der Wald. Nach einer Stunde finde ich endlich halbwegs brauchbares Brennmaterial, das ich mit eine Unzahl an Stichen bezahle. Aber der Rauch des Feuers vertreibt die Mücken etwas und so können wir es uns gemütlich machen.

Zum Abendessen gibt es heute Nudel mit Bolognesesoße, ein echtes Festmahl, ausgehungert wie wir sind. Nachdem auch eine Schachtel Cookies vernascht ist machen wir uns bald ab in die Schlafsäcke. Wir haben noch einigen Schlaf nachzuholen. Kaum sind wir in den Zelten beginnt es heftig zu regnen, ein Gewitter zieht über uns hinweg. Glücklicherweise halten die Zelte dicht, die Imprägnierung des Vortages hat sich bereits rentiert.

Sonntag, 3. Juni 2001

Als ich am nächsten Morgen aufwache regnet es noch immer, aber wir haben es sowieso nicht eilig und so bleiben wir einfach noch ein wenig länger in den Schlafsäcken. Das erste Frühstück in der Wildnis schmeckt hervorragend, Oatmeal mit Apfelstücken für Geraldine und mich, Nutella-Brötchen für Christoph und Jochen. Nachdem die nassen Zelte zusammengepackt sind und alles wieder in den Kanus verstaut ist, brechen wir auf, um die nächste Etappe unsere Tour in Angriff zu nehmen.

Wir müssen nur wenige 100 Meter paddeln, dann gelangen wir zu der längsten Portage unserer Tour. Die folgenden 2,3 km schleppen wir unsere Ausrüstung über rutschige Felsen, große Schlammlöcher und schlüpfrige Holzbohlen.

Die Luft ist gesättigt mit Wasser und es ist schwül-warm. Zur Abwechslung werden wir mal nicht durch den Regen durchnässt. Als wir nach etwas mehr als einer Stunden schließlich den Ink Lake erreichen legen wir erstmal unsere Mittagspause ein.

Mitten beim Essen fängt es wieder an zu nieseln. So haben wir beides, Mücken und Regen. Das Wasser, das wir aus dem See schöpfen und zum Trinken aufreinigen ist braun wie Kaffee, der See macht seinem Namen alle Ehre. Nach ca. 200 Metern vereng sich der See zu einem wunderschönen Creek, der sich durch eine einzigartige Heidelandschaft erstreckt.

Bald gelangen wir auf den McIntosh Lake, vorbei an großen Biberburgen.

Der weitere Weg führt uns zum McIntosh Creek, der uns mit zwei weiteren Portagen erwartet, die mit ihren 510 Metern und 745 Metern uns einiges abverlangen. Aber auch das Paddeln auf dem Creek wird immer wieder durch kleinere Biberdämme erschwert, die wir manchmal einfach mit etwas Schwung überwinden können, manchmal müssen wir aber auch aussteigen und das Kanu darüber schleifen.

Der Creek führt uns in ein sumpfähnliches Gebiet, flaches Wasser und üppiger Uferbewuchs. Dann - im Nieselregen - entdeckt Jochen unseren ersten Elch. Er steht am Ufer und frisst die zarten Unterwassertriebe der Pflanzen. Als er uns bemerkt weicht er in das dichte Gestrüpp zurück von wo aus er uns in sicherer Entfernung beobachtet.

Wir reißen uns los, aber nur wenig später steht der nächste Elch im Wasser. Das gleiche Spielchen wiederholt sich, als wir näher kommen, weicht der Elch zurück und verschwindet im Dickicht. Die Portagen haben uns einige Zeit gekostet und es fängt schon an zu dämmern. Erschlagen erreichen wir unseren Lagerplatz. Wider Erwarten sind nur recht wenige Mücken aktiv, wir bauen die Zelte auf und hier finden wir sogar recht zügig gutes Feuerholz.

Der Regen hört irgendwann auf und so kommen wir dazu unsere Sachen ein wenig am Feuer zu trocknen. Eigentlich hatte ich mich darauf gefreut, ein erfrischendes Bad im See zu nehmen, aber die Blutegel im Wasser vermiesen mir die Freude daran. Nach einem leckeren Gemüsereis gibt's noch etwas Schokolade und Brownies, um die Stimmung ein wenig zu heben. Wir sind reichlich erschöpft und legen uns bald schlafen.

Montag, 4. Juni 2001

Der Himmel ist immer noch bewölkt, als wir am nächsten Morgen aufstehen, aber nach dem Frühstück brechen wir gut gelaunt auf, um den einzigen Portagen-freien Tag unserer Tour zu genießen.

Wir verlassen den Sumpf, wo wir noch einen weiteren Elch aus der Ferne beobachten können, und gelangen bald darauf auf den White Trout (weiße Forellen) Lake. Am nördlichen Ufer machen wir unweit eines alten Versorgungsdepots der vorletzten Jahrhundertwende Mittagspause.

Die Sonne hat es mittlerweile geschafft, die Wolkendecke zu durchdringen und so genießen wir unsere Landjäger, Gurke, Käse und Brötchen im warmen Sonnenschein.

Wir gammeln bestimmt zwei Stunden herum, bevor wir uns wieder auf die (noch nassen) Socken machen. Jetzt scheint die Sonne kräftig auf uns hernieder und so können wir am Ufer des Verbindungskanals, der uns zum Big Trout Lake führt, tatsächlich große Forellen beobachten. Unser nächster Lagerplatz ist eine Insel am südlichen Ende des Sees, die wir ganz für uns allein haben - vermutlich haben wir den gesamten, riesigen See für uns allein. Wir werden von zwei frechen Eichhörnchen begrüßt, die fortan um unsere Sachen umher springen und etwas zu fressen ergattern versuchen.

Leider ist die Insel so klein, dass Christoph und ich nochmals mit dem Kanu los müssen, um geeignetes Brennholz zu besorgen.

Wir müssen nicht weit paddeln und kommen bald mit einigen dicken Holzstämmen wieder, die Geraldine und Jochen klein sägen. So können wir wenig später unseren Zitronen-Tomaten-Käse-Reis mit einem Tee oder heißer Schokolade am Feuer genießen.

Die Sonne geht unter, der Vollmond geht auf und wir sitzen noch lange am Feuer diesen Abend.

Dienstag, 5. Juni 2001

Der nächste Tag ist mal wieder ein wahrer Portagen-Tag, der uns insgesamt knapp 2,5 km Landstrecke bietet. Die ersten beiden davon bringen uns zum Otterslide Creek und bald wissen wir, warum er diesen Namen trägt. Otter sehen wir zwar keine, aber das Wasser schlängelt sich sehr kurvenreich durch üppige Wiesen, unterbrochen nur von zahlreichen Biberdämmen.

Als wir gerade einen dieser Dämme überwinden höre ich ein schmatzendes Geräusch, das von hinter der nächsten Flussbiegung gekommen zu sein scheint. Leise paddeln wir weiter, aber es ist nichts zu sehen. Wenn da tatsächlich ein Elch war, dann hat er uns vermutlich gehört und sich ins Dickicht verdrückt. Als Geraldine und Jochen den großen Stein im Fluss - keine 5 Meter entfernt - entdecken, halten sie inne. Schließlich hebt der Stein seinen Kopf aus dem Wasser und schaut uns verdutzt an. Ohne große Hast stapft der Elch aus dem Wasser und schüttelt sich wie ein Hund. Dann trottet er von dannen. Wir sitzen zunächst wie gebannt und schießen Fotos wie wild. Wie immer hat man natürlich gerade das letzte Bild verschossen, wenn einem die prächtigsten Motive vor die Linse springen. Aber der Elch nimmt sich seine Zeit und so kommen ich noch zu einigen schönen Aufnahmen.

Nach 10 Minuten ist der Elch dann ganz verschwunden und wir paddeln weiter den wunderschönen Creek hinunter. Die nächsten Portagen stehen schon bald an und die Schlepperei geht wieder los. Mittlerweile hat sich unser Lebensmittelvorrat schon so reduziert, dass wir alles mit einem Gang erledigen können.

Irgendwo zwischendurch halten wir unsere Mittagspause in einer atemberaubend schönen Landschaft ab. Die Sonne verwöhnt uns heute außergewöhnlich und die Temperaturen steigen.

Am Ende der Portage, die uns zum Otterslide Lake führt, empfangen uns die Mücken, die uns die letzten Tage eigentlich ziemlich in Ruhe gelassen hatten. Der Otterslide Lake ist rasch überquert und die letzte Portage des Tages bringt uns auf den Burnt Island Lake.

Wir paddeln vorüber an kleinen Felseninseln, die von großem Möwen und ihrer Brut bewohnt und verteidigt werden.

Wir erreichen unsere Lagerplatz und bald sitzen wir um ein Zedernholzfeuer, das lustig vor sich hin prasselt.

Als wir gerade eine heiße Schokolade schlürfen kommt ein Waschbär angetrottet und schnuppert neugierig herum, läuft dann aber weiter. Auch ein Streifenhörnchen umstreift unser Lager, das wir auf seinem unterirdischen Bau errichtet haben.

Als die Sonne untergeht taucht sie den See in ein warmes Licht, das alles zu durchdringen scheint.

Der Abend gestaltet sich recht amüsant. Nachdem gegessen haben sitzen wir um das Feuer und entspannen uns. Bei einem Blick ins flache Wasser entdecken wir im Schein der Taschenlampe haufenweise Getier, wie z.B. Blutegel, Flusskrebse, kleinen Fische, Riesenkaulquappen und schließlich gigantische Forellen. Mit gesundem Appetit schmieden wir Pläne wie wir ohne Angelausrüstung eine dieser fangen können.

Schließlich muss ein Zeltnetz herhalten, das wir an eines unsere Paddel geknotet und mit Haferflocken als Köder versehen haben. Leider erweist sich das Netz als zu klein und die Forellen schwimmen eher darunter als hinein. Schließlich packt Jochen einfach mit den Händen zu und erwischt tatsächlich einen fetten Fisch. Unglücklicherweise windet dieser sich heftig, Jochen verliert den Halt und fällt beinahe noch ins Wasser. Aber auch so liegen wir am Boden vor Lachen, es ist einfach zu schön ;-)) Als es dunkel wird kommt plötzlich der Waschbär nochmals vorbei, diesmal mit Verstärkung. Ich schießen einige Bilder, aber leider ist der Film nicht richtig eingelegt weshalb ich auch am nächsten Tag noch einige gute Aufnahmen verliere. Wie jeden Abend hängen wir unsere Lebensmittel an einen Ast, unerreichbar selbst für die Bäume erkletternden Waschbären.

Mittwoch, 6. Juni 2001

Die erste Portage führt uns heute zum Baby Joe Lake, der sich als mit Mücken verseucht herausstellt. Nach der zweiten Portage gibt's erstmal die mittäglich Brotzeit, dann gelangen wir auf den Little Joe Lake. Wir kommen wieder in die Nähe der Zivilisation. Am Ende des Sees ist bereits von weitem ein Outdoorcamp zu entdecken. Aber auf dem Weg dorthin gibt's es noch einige Überraschungen.

Ein Elch steht keine hundert Meter weiter im Wasser und frisst genüsslich die Wasserpflanzen. Wir wollen uns gerade nähern, als wir eine riesige Schnappschildkröte (mind. 60 cm mit Schwanz) entdecken, die sich auf einem toten Holzstamm in der Sonne wärmt. Sie ist überhaupt nicht scheu und lässt sich geduldig von uns aufs Papier bannen.

Als wir uns satt gesehen haben wenden wir uns wieder dem Elch zu, der keine Anstalten macht, aus dem Wasser zu gehen. Wir kommen bis auf 5 Meter heran, bevor ihm die Sache wohl doch zu dumm wird und er durchs Wasser sprintend dem Ufer entgegenstrebt.

Wenig später entdecke ich das Malheur des falsch eingelegten Films, leider etwas zu spät, wie ich denke. Aber um die Ecke wartet schon der nächste Elch, der zur Abwechslung mal mit zwei Jungen auftaucht.

Der restliche Rückweg über den Joe Lake zurück zum Canoe Lake wird zu einem Zoobesuch. Weitere Wasserschildkröten in allen Größen, zwei weitere Elche, Loons und ein Marder laufen uns vor die Füße. Manchmal beobachtet man ein Tier, dreht sich nur um und sieht bereits das nächste und verpasst vermutlich ein weiteres an der Seite ;-))

Außerdem scheint es hier auch Indianer zu geben.

Zurück am Auto ist alles schnell aufgeladen und abfahrbereit. Die letzen fünf Tage sind mal wieder wie im Flug vergangen, aber was wir erlebt haben, schlägt alles bisher Dagewesene.

Auf dem Rückweg begegnen wir einem Haus auf Rädern und halten noch an den Ragged Falls, die ich im Winter bereits zugeeist gesehen habe.

Als wir nach einer leckeren Pizza-Schlemmerei in Huntsville schließlich wieder gen Waterloo düsen sind wir noch immer dabei, das Erlebte zu verdauen. Die Tour hat einen Riesenspaß gemacht und wird uns sicherlich noch lange in Erinnerung bleiben.

 
Jochen   Geraldine
 
Christoph   Thomas
 

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