21. August 2001

In der Frühe brechen wir in Nenana auf gen Süden. Es ist bewölkt, doch es regnet nicht. Es bestehen sogar Aussichten auf Sonnenschein. Insgeheim sind wir uns einig, nochmals unser Glück mit dem Denali State Park zu versuchen. Und tatsächlich, es klart mehr und mehr auf je weiter südwärts wir kommen. Etwa 50 km vor dem Denali National (!) Park wird es plötzlich wird so wie es war als wir vor einige Tagen hier vorbeikamen, saumäßig nämlich. es ist kühl und nieselt leicht. Trotz allem fahren wir weiter, schließlich sind es zum Denali State Park noch knapp 100 km! Als wir uns unserem dann endlich nähern reißt der Himmel endgültig auf und strahlender Sonnenschein begrüßt uns. Das Glück ist mit den Hartnäckigen ;-))

Schon von weitem ist das Massiv sehr beeindruckend, auch wenn sich Mt. McKinley noch in den Wolken versteckt.

Schnell ist unser Krempel gepackt und auch das Ausleihen zweier Bärboxen ist kein Problem. Wir fahren wieder ein Stück auf dem Highway, um zum nördlichen Startpunkt für unsere Tour zu gelangen. Wie geplant nehmen wir die Kesugi Ridge in Angriff, auf die wir zunächst aufsteigen und dann auf dem dem Denali Massiv zugewandten Hang drei Tage entlang laufen werden. Es ist schon am Nachmittag aber in der Sonne und bei steilen Aufstieg kommen wir reichlich ins Schwitzen.

Rasch sind wir über der Baumgrenze und immer wieder blicken wir zurück und auf die Berge die dort liegen. Nach zwei Stunden sind wir an dem Punkt angekommen, von dem ab der Weg parallel zum Hang weiterführt.

Wir kraxeln mit unseren schweren Rucksäcken über ein größeres Geröllfeld bis wir schließlich auf einen erhöhten Punkt gelangen, von dem aus man eine fantastische Aussicht hat.

Nachdem wir uns losgerissen haben steigen wir wenige Höhenmeter auf ein kleines Plateau hinab, das für uns den ideal Lagerplatz darstellt. Nachdem die Zelte aufgebaut sind nehmen wir ein sehr erfrischendes Bad in einem kleinen Bergsee. Um uns herum springen Erdmännchen und sonnen sich Murmeltiere, es ist wie im Paradies.

Von dem etwas erhöht gelegenen See sieht unser Lager ziemlich unwirklich aus vor dem großartigen Hintergrundpanorama des Ruth Gletschers.

Zu uns gesellt sich an diesem Abend eine einzelne Wanderin, die - nur mit einem Biwaksack ausgestattet - keine Lust hat, alleine sich irgendwohin zu legen. Virginia heißt sie und arbeitet irgendwo in Kalifornien. So setzen wir uns alle in die weiche Flechtenflora und genießen bei einer Tasse heißer Schokolade den atemberaubenden Ausblick.

Wir haben bereits unverschämtes Glück, den Denali überhaupt zu sehen (das Wetter spielt nur eher selten mit), aber was sich uns in den nächsten Stunden bietet übertrifft unsere Erwartungen bei weitem. Am Abend kochen wir lecker und setzten uns dann hin zum "Fernsehen" ;-)) Die Wolken weichen mehr und mehr und Mt. McKinley ist schließlich voll sichtbar. Wenig später setzt die Sonne dem ganzen noch das i-Tüpfelchen auf, indem sie wie in einer Inszenierung direkt hinter dem höchsten Berg Nordamerikas (20.320 Fuß oder 6.193 Meter) untergeht.

Mit dem Sonnenuntergang sinkt auch rasch die Temperatur und so verschwinden wir bald in unseren Schlafsäcken. Für den nächsten Tag haben wir uns darauf geeinigt, früh aufzustehen, um den Sonnenaufgang mitzuerleben.

22. August 2001

Gesagt, getan. Als wir uns um 6 Uhr in der Morgenkälte aus den Zelten quälen werden wir fast gleichzeitig dafür entlohnt. Gerade die Spitzen des Massivs sind in die ersten Sonnenstrahlen getaucht und glühen rot. Nach nur 10 Minuten ist der Zauber vorbei, aber der Anblick riesigen Berges allein ist schon umwerfend.

Ohne die winzigste Wolke überragt Denali (übrigens der indianische Name des Mt. McKinley) die scheinbar unwichtige Berge der davor liegenden Bergkette, deren Gipfel dennoch allesamt über 4000 m liegen! Wir lassen den Tag dann auch eher ruhig angehen und genießen ein ausgedehntes Frühstück mit haufenweise neugierigen Erdmännchen (ground squirrels, oder auch indianisch "six-six"), die sich bis zu unseren Füssen herantrauen.

Ein Fuchs läuft zudem etwas später an unserem Lager vorbei und auch Wolfsgeheul gehört zur Kulisse dazu.

Am späten Vormittag bauen wir das Lager ab und laufen weiter. Wir bieten Virginia an, einfach zusammen weiter zu laufen, was sie gern annimmt. Den Tag über wandern wir entlang der Bergkette und schlagen am frühen Nachmittag etwa 2 km vor dem Talabstieg unser Lager auf. Der Sonneschein begleitet und neben der gigantischen Aussicht die gesamte Zeit. Nur ganz wenigen Leuten wird solches Glück zuteil. Der heutige Lagerplatz ist mindestens genauso schön, nur etwas besser windgeschützt. Leider finden das die kleinen Schwarzfliegen ebenfalls sehr angenehm, weshalb sie uns den restlichen Nachmittag ziemlich nerven und sich erst am Abend verziehen, als es etwas zuzieht und ein leichter Wind aufkommt. Wir bleiben lange draußen und genießen die Natur, quatschen und lesen. Nach dem Abendessen verziehen wir uns langsam in die Schlafsäcke.

23. August 2001

Als wir aufstehen sehen wir den Denali so, wie ihn die meisten Besucher zu Gesicht bekommen - in Wolken gehüllt. Wir sind nicht betrübt, haben wir doch uns bereits satt sehen können. Wir packen unseren Krempel ein und bald ist der Abzweig ins Tal erreicht. Gegen halb zwei erreichen wir nach einem Abstieg durch eine herrlich Berglandschaft wieder den Highway. Ich trampe zurück, um den Wagen zu holen und 45 Minuten später geben wir bereits die geliehenen Bärenboxen im Parkbüro zurück. Zum Tanken und um eine Buchungsbestätigungs-Fax für Sabines Flug abzuholen fahren wir nach Cantwell. Leider ist auf dem Fax nur mein Name, aber Sabine benötigt das Dokument. Nach einiger Herumtelefoniererei nehmen wir den Denali Highway gen Osten, der uns über 200 km Schotter und Schlamm durch eine fantastisch verfärbte Tundralandschaft führt. Wieder auf Asphalt stoppen wir kurz in Delta Junction, dem Endpunkt des legendären Alaska Highways, den wir am Abend komplett abgefahren sind.

Ein Schild warnt hier vor Gefahren der eher ungewöhnlichen Art. Als wir in der Dämmerung südwärts gen Tok unterwegs sind sehen wir was gemeint ist. Zwar begegnen wir keinem Bison, wohl aber einigen Elchen. Das Jungtier und später die Kuh stehen am Wegesrand und schauen eher verdutzt als wir vorbei rauschen. Der imposante Bulle wenig später dagegen springt einfach auf die Straße und nur eine Vollbremsung verhindert Schlimmeres. Als wir im Dunkeln in Tok ankommen stellen wir rasch die Zelte auf und kochen nur noch ein heißes Süppchen und tätigen einige Anrufe nach Deutschland bevor wir todmüde in den Schlafsäcken verschwinden.

 

 

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