Donnerstag

Es ist Donnerstag Abend, Viertel nach zehn. Ich eile von meiner night class (19-22 Uhr) nach Hause, und muss mich beeilen, bin schon spät dran. Ich habe noch eine halbe Stunde, dann soll's losgehen. Es ist noch nichts gepackt, aber ich schmeiße einfach alles, was brauchbar aussieht, in meine Tasche. Um 23:00 Uhr verlasse ich mit Richard (Kanada) das Haus, dann hole ich noch Emma (Australien) und Pey (Singapur) ab und wir laufen zu Sabines Apartment, vor dem der Van und Tim auf uns warten. Irgendwie brauchen wir noch ein wenig, um zwölf kommen wir dann endlich los. Vor uns liegt eine 9-stündige Fahrt.

Nach zwei Stunden ist die Grenze zu den Vereinigten Staaten erreicht. Wir werden aus dem Auto zitiert, die Grenzbeamten stellen sich an, als wäre jeder ein potenzieller Terrorist oder schlimmeres. Nachdem wir die obligatorischen 6 $(US) abgedrückt haben, die Pässe völlig durchgecheckt und wir als Nicht-Terroristen identifiziert sind dürfen wir weiterfahren. Die Fahrt geht recht zügig voran, wir halten nur für Fahrerwechsel und Pinkelpause.

New York City, wir kommen!

 

Freitag

Nach ca. 900 km (wir sind der als nur mit 800 km angegebenen Strecke genau gefolgt) kommen wir endlich in die Nähe der Stadt. Von weitem sieht man schon die Wolkenkratzer, die Manhattan zieren.

Ein undurchsichtiges Strassengeknäuel folgt, aus dem wir nur mit Mühen und nach einigen Versuchen herausfinden.

Schließlich kommen in den Lincoln Tunnel, der uns direkt in das Herz von Manhattan leitet. Wir kommen südlich der 40sten Straße heraus und nachdem wir den Broadway gekreuzt haben fahren wir auf der Avenue of the Americas gen Norden.

Wir passieren Trump Tower und fahren direkt durch den Central Park, der noch immer in den Farben des Herbstes strahlt. Entgegen dem Wetterbericht, der Regen und Wolken versprach, scheint die Sonne auf uns und die wunderschön verfärbten Blätter hernieder. Im Norden des Parks kommen wir dann auf die Lenox Avenue, in der sich auch unsere anvisierte Unterkunft befindet. Wir fahren noch einige Blocks innerhalb von Harlem, dann haben wir die Hausnummer gefunden. Von außen sieht das Haus eher aus als sollte es in den nächsten Wochen abgerissen werden. Das Innere ist deutlich besser, aber man sollte keinen Jugendherbergs-Standard erwarten.

Die Zimmer sind einfach mit selbst gezimmerten Hochbetten, aber sauber und mit frischer Bettwäsche ausgestattet. Und auch die Sanitären Einrichtungen sind durchaus akzeptabel. Das Gemeinschaftszimmer/Esszimmer dagegen erinnert - wie auch die alten unlackierten Holztüren und hohen Zimmer im gesamten Haus - an ein altes Stadthaus und lässt etwas von seiner einstigen Herrlichkeit erahnen. Der Blick in die Straße zeigt Hauseingänge, wie sie typisch sind und jedem, der gerne die Bill Cosby Show sieht geläufig sein werden.

Wir bleiben nur kurz, um unseren Krempel in das Zimmer zu schaffen, dann machen wir uns zu Fuß auf, um die Stadt zu erkunden.

Wir ziehen durch Harlem zum nächsten Supermarkt, wo wir uns mit Brot, Wurst, Käse und Äpfeln für den Tag eindecken. Wir können schon jetzt den Währungsunterschied deutlich spüren, Sabine erster (Starbucks-) Kaffee kostet sie $4, umgerechnet etwa 9,20 DM. Das tut weh, aber man lernt daraus. Nicht, dass man viel dagegen tun kann, New York ist nun mal ein sündhaft teures Pflaster. Unser erstes Ziel ist die Südspitze Manhattans und so verschwinden wir in der nächstgelegenen U-Bahn-Station. Ein Tagesticket kostet $4 und gibt einem die Freiheit, überall innerhalb der Stadt hinzudüsen. Als wir an der South Ferry Station das Tageslicht wieder erblicken, tut sich vor uns die Upper New York Bay auf. Die Freiheitsstatue trotzt auf ihrer Insel dem recht rauen Wellengang in der Bay, Fähren kreuzen hin und her, unzählige Hubschrauber bilden das Lufttaxinetz der Superreichen und Businessleute.

Eine steife Briese weht uns ins Gesicht, aber die sonnenerleuchtete Bucht lädt uns zum Frühstücken ein. Von unserem Platz aus können wir die Staten Island Fähre von weitem kommen sehen, unser nächstes Ziel. Die Fähre transportiert Pendler und das kostenlos. So besteigen wir die Fähre, die an der Freiheitsstatue vorbei nach Staten Island schippert.

Als wir in Staten Island die rückwärtige Fähre betreten, können wir schon erahnen, was wir zu sehen bekommen; auf der Hinfahrt haben wir nur auf die Freiheitsstatue und die angepeilte Insel geschaut, aber jetzt sehen wir New Yorks Skyline in seiner vollen Pracht.

Ins morgendliche Sonnenlicht getaucht reihen sich Kolonnen von Wolkenkratzern aneinander, dicht gedrängt und auf einem scheinbar viel zu zerbrechlichen Untergrund stehend. Als wir wieder festen Boden unter unseren Füßen haben machen wir uns auf den langen Weg durch Manhattan.

Unsere erste Entdeckung ist ein riesiger Bulle, der schnaubend auf fotografierhungrige Touristen wartet, um dann geduldig im Blitzlichtgewitter japanischer Reisegruppen auszuharren. Auch wir könne es nicht lassen und treiben so einigen Schabernack mit dem armen Tier.

Unser weiterer Weg führt uns zum World Trade Center, dessen Zwillingstürme sehr charakteristisch die Skyline Manhattans mitgestalten.

Eine Runde Hacki-Sack auf dem Platz bringt uns alle wieder etwas in Schwung. So machen wir uns auf, um noch ein wenig in die Seitenstraßen Lower Manhattans hineinzuschnuppern.

So kommen wir zur Brooklyn Brigde, zur Zeit der Errichtung die längste stahlgetragene Brückenkonstruktion der Welt. Wir suchen einige Zeit vergeblich nach einem Aufgang für Fußgänger und gerade als wir aufgeben wollen, finden wir ihn. Jetzt ist es schon zu spät, wir wollen den Sonnenuntergang auf dem Empire-State-Building sehen und müssen uns beeilen. Wie wir haben auch eine ganze Menge anderer Leute dieselbe Idee, und so kommen wir erst eine dreiviertel Stunde später auf den Turm.

Wir sehen gerade noch die letzten Verfärbungen des sonst wolkenfreien Himmels. Es ist kalt und ein eisiger Wind weht uns um die Nasen.

Der Ausblick über Manhattan ist einfach fantastisch, klare Sicht ringsum, Millionen von Lichtern machen die Nacht zum Tage.

Nachdem wir massenhaft Fotos gemacht haben, stellen wir fest, dass wir alle ziemlich müde sind. Wir teilen uns zum Essen nach verschiedenen Geschmacksrichtungen auf und treffen uns danach wieder, um gemeinsam über den Times Square zu ziehen.

Der Times Square ist um diese Zeit von den aberwitzig vielen Leuchtreklamen ringsum taghell erleuchtet, abertausende Menschen zwängen sich durch die Straßen, vorbei an Hausbrauereien, Cafes and Einkaufshäusern. Um manche Straßenmusiker stauen sich Menschentrauben an, andere spielen fast nur für sich.

Ein buntes, hektische Treiben, das uns veranlasst diesem und der Kälte zu entfliehen und Cafe aufzusuchen. Aber irgendwann muss man eben auch wieder hinaus in die Kälte und wir sagen uns, besser früher als später.

Wir sind noch alle ziemlich fertig von der langen Autofahrt und wollen schließlich noch etwas vom morgigen Tag haben. Fünf Meter vor unserer Herberge sehen wir einen Minimarkt, bei dem wir auch Bier kaufen können. Und so bekommen wir - superbillig - für nur $2.25 eine 42 Ounces Flasche (ca. 1,243 L). Ein wahrer Schlummertrunk....

Samstag

Wir stehen um neun am Morgen auf und haben Oatmeal mit Äpfeln und Bananen zu Frühstück, dazu eine heiße Schokolade. (Ok, selbst in der Stadt können wir es einfach nicht lassen, na und, es ist einfach gut ;-) ). Draußen scheint die Sonne und so klettern wir zum Zähneputzen auf die Feuerleiter vor dem Badfenster, die so typisch für die Häiser in Harlem ist. Tim wagt einiges, um Sabine und mich abzulichten...

Dass wir dabei gar nicht in der Sonne sitzen ist eigentlich egal, wir haben einen Mordsspaß.

Diesen Tag wollen wir mit einem Spaziergang und einer Runde Hacki-Sack im Central Park beginnen und danach direkt eine Brotzeit einschieben.

Das Wetter ist immer noch nicht bewölkt und regnerisch, dafür aber sonnig und halbwegs warm. Im Südteil des Park ist eine Eisfläche zum Schlittschuhlaufen aufgebaut, mit den nobelsten Hotels der Stadt im Hintergrund.

Von hier aus laufen wir entlang 58th Street gen Osten und tauchen dann ein in die Geschäftswelt der Fifth Avenue.

Vor dem Plaza Hotel wartet ein Schar Reporter und Schaulustige. Wir fragen und erfahren, dass Michael Douglas und Katherine Ceta-Jones hier eingekehrt sein sollen. Wir wollen nicht darauf warten bis die zwei herauskommen, es könnte den ganzen Tag dauern (Einige Tage später in Waterloo sagt ein Bericht der Presse, dass die zwei ein Trinkgeld in Höhe von $40.000 hinterlassen haben, macht $260 extra für jeden Angestellten). Die Fifth Avenue ist das nächste Ziel. Exklusive Shops reihen sich hier auf, und so flanieren wir ein wenig um die Läden.

Nach ein wenig Shopping und einem kurzen Besuch im Trump Tower beschließen wir, den Stadtteil zu verlassen und nach Greenwich Village zu fahren. Dort reihen sich andere Geschäfte entlang der St. Christopher Street. Das Viertel ist Treffpunkt der Schwulenszene und entsprechend haben sich Shops angesiedelt. Auch in den überfüllten Cafes, in die wir hineinschauen, kann man eine etwas andere Atmosphäre spüren. Schließlich finden wir Platz in einem der Cafes und entfliehen für eine Stunde der Kälte und gönnen uns eine Leckerei. Um 17:00 Uhr machen wir uns auf den Weg zur Brooklyn Bridge und diesmal laufen wir auf dem Fußweg ein gutes Stück auf die Brücke. An einem der Pfeiler machen wir Rast und verspachteln unsere letzten Vorräte.

Die Aussicht auf Manhattan ist von hier besonders gut und so schießen wir lauter verrückte Fotos (die leider alle reichlich dunkel geworden sind) und klettern auf den Stahlträgern herum ;-)

Als wir wieder an der Subway-Station sind legen wir eine weitere Hacki-Sack-Pause ein, aber alle Versuche mit unseren "Künsten" Geld zu verdienen scheitern kläglich ;-). Wir entscheiden uns, nach Little Italy zu fahren und dort etwas zu Essen. China Town, die das italienische Viertel umgibt, begrüßt uns mit exotischen Lebensmitteln und Verlaufständen mit raubkopierten CDs zu Dumpingpreisen.

In Little Italy reihen sich dafür viele kleine Restaurants aneinander, alle relative günstig für New York, aber erschreckend teuer für uns. Wir finden ein Lokal, das sich als besonders nett herausstellt und mit einer wirklich italienischen Atmosphäre überrascht. Dass das Lokal tatsächlich empfehlenswert ist versichert uns ein Gast, der gerade den Laden verlässt und die lange Wartezeit für einen Tisch in dem brechend vollen Raum scheint dies zu unterstreichen.

Wir bestellen Pasta, lecker und billig, es hätte gerne etwas mehr sein dürfen (Ok, vielleicht sollte ich normale Eßgewohnheiten voraussetzen ;-) ). Als wir mit dem Essen fertig sind machen wir uns auf den Weg zum Times Square. Irgendwie haben wir Gefallen an dem Trubel und der taghellen Beleuchtung gefunden. Richard, Emma, Pey und Tim ziehen los, um einige weitere Seitenstraßen zu erkunden, Sabine und ich haben genug und wollen den Tag mit einer Tasse Kaffee bzw. Schokolade beenden.

Wir nutzen die Zeit, um die Schimpfwort-Kultur des Landes etwas genauer ins Auge zu fassen und schreiben die wohl schlimmste Postkarte, die die New York Mail gesehen hat ;-)).

Als wir uns nach einer Stunde mit den anderen treffen, sind alle dafür, ins Hostel zu fahren. Sabine führt dort ihre neuen Errungenschaften vor, für die wir alle so lange haben warten müssen. Dafür darf ich sie auch mal eine Weile tragen ;-)

Wie am Abend zuvor besorgen wir uns einige Flaschen Bier um den Tag ausklingen zu lassen.

Sonntag

Heute stehen wir wieder mittelspät auf und lassen uns beim Frühstück (dasselbe wie tags zuvor) recht viel Zeit. Wir teilen uns auf: Richard will die Stadt alleine erkunden und Emma hat vor, ein wenig durch Brooklyn zu spazieren. So machen sich Tim, Pey, Sabine und ich auf den Weg zum Times Square, um dort Karten für ein Broadway Musical zu besorgen. Auf halbem Weg machen Sabine und ich kehrt, wir wollen lieber das American Museum for Natural History besuchen. Zuvor wollen wir aber erneut noch ein paar Fotos in Südmanhattan schießen, die durch einen falsch eingelegten Film leider verloren gegangen sind (Manche sind überraschend interessant, ein paar könnt ihr hier sehen). Nach unserer Fotosession düsen wir wieder Richtung Norden. Einmal falsch umsteigen (in einen Expresszug) bringt uns dummerweise wieder nach Harlem, also müssen wir den Weg wieder zurück, diesmal mit einer U-Bahn, die an jeder Station hält. Als wir schließlich das Museum betreten sind wir recht fertig und verdrücken uns in die hinters Ecke des Museums-Restaurants, um dort unser eigenes, mitgebrachtes Essen zu vernaschen. Das Museum kostet übrigens nur soviel Eintritt, wie man will; die angegebenen Preise verstehen sich als Vorschläge.

Das Museum ist riesig, vergleichbar mit dem Deutschen Museum in München. Wir halten uns einige Zeit in der Hall of Universe auf, ehe wir uns den Nordamerikanischen Säugetieren und Wäldern zuwenden.

Wir rennen drei Stunden herum, aber bereits nach einer Stunde schaltet mein Gehirn ab, zuviel Informationen und zuwenig Schlaf sind eine ungünstige Kombination.

Als wir uns um 18:00 Uhr mit den anderen treffen hat jeder eine Geschichte zu erzählen. Unser Aufenthalt in New York ist beinahe zu Ende, wir haben uns vorgenommen, die Stadt am frühen Abend zu verlassen. Als wir wieder an dem Hostel angelangt sind essen wir flux noch etwas und greifen dann nur noch unser Gepäck. Aber der Wagen hält noch eine Überraschung für uns bereit. Ein Licht im Innenraum brannte die letzten Tage und jetzt ist die Batterie leer. Die ersten Versuche, jemanden anzuhalten schlagen fehl, entweder die Leute haben kein Überbrückungskabel oder sie haben Angst und ignorieren uns einfach. Auch ein Wagen der NYPD hält, kann uns aber nicht helfen. Eine Telefonnummer, die als Notrufnummer auf der vom ADAC ausgegebenen AAA-Karte steht, verbindet mich mit einem deutschsprachigen Ansageband, das mir mitteilt, wann die Bürozeiten sind, ganz toll! Ein Anruf beim AAA bringt auch nicht viel mehr: normalerweise ist man als ADAC-Mitglied auch automatisch Mitglied beim CAA und AAA, allerdings will die Dame am Telefon nicht akzeptieren, dass meine deutsche ADAC-Karte kein Ablaufdatum aufweist. Kosten $25 US + tax. Danke an dieser Stelle für die unbürokratische Hilfe! Wie auch immer, irgendwann hält ein Auto, der Besitzer kennt die Besitzerin des Hostels und auch eine deutsche Austauschstudentin, die dort wohnte. Außerdem hat der hilfsbereite Fahrer einen Bruder in Bochum, Zufälle gibt's. Wir können schließlich um 20:30 Uhr starten. Wir verlassen New York und nach nur 30 Minuten sind wir tatsächlich aus der Stadt und dem gröbsten Autobahn-Wirrwarr heraus.

Es folgen Stunden mit kurzweiliger Autobahn bei Nacht, wir quatschen über dies und das, gute Musik hält uns wach.

Montag

Um 4:00 Uhr passieren wir wieder die Grenze nach Kanada in Buffalo, als sich irgendetwas an der Landschaft verändert. Unglaublich, hier liegt eine geschlossene Schneedecke und als hätte das kanadische Wetter nur auf uns gewartet, bricht ein Schneesturm los, der uns bis Waterloo verfolgen soll. In dem Schneegestöber kommen wir nur langsam voran, überholende Trucks begraben den Van unter einer Schicht aufspritzenden Schneematsches. Irgendwie verpassen wir die richtige Abfahrt und irren noch ein wenig herum. Als Pey aufwacht hören wir nur einen Aufschrei, sie hat noch nie gesehen eine Landschaft gesehen, die komplett in eine Schneedecke eingehüllt ist. Todmüde erreichen wir die Columbia Lake Townhouses um 8:00 Uhr in der Frühe.

 

 

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