Freitag

Es ist der Freitag der Halloween-Party und Richard, mein Mitbewohner, Sabine, Nina, Peter und Cornelia sind dabei, uns zu verkleiden. Bei unserer Suche nach Kostümen waren wir am Nachmittag an einen Sexshop geraten, der nur billige Verkleidungen und Haargel mit Geschmack führte (nicht wahr, Sabine ? ;-)). Dann - eher zufällig waren wir auf den Shop der Heilsarmee gestoßen, in dem wir prompt fündig wurden.

Jetzt sind alle mehr oder weniger gruselig geschminkt und befinden uns in der Fed-Hall, einer Halle für die allwöchtliche Campus-Disco und andere Veranstaltungen, wie die heutige. Der Saal ist voll, die meisten hier sind verkleidet. Peter, Tim, Sabine und ich bleiben etwa bis 1:00 Uhr, tanzen und feiern, dann geht es zurück in die Columbia Lake Townhouses. Wir nehmen uns eine Stunde Zeit, um wieder halbwegs menschlich auszusehen, dann treffen wir uns, um mal wieder für ein Wochenende in den hohen Norden zu verschwinden.

Samstag

Diesmal heißt unser Ziel Temagami (900 Einw.), eher ein Truckertreff oder Handelsposten, was es früher tatsächlich einmal war.

Als wir dort eintreffen, sehen wir schon von weitem den Fire Tower über dem Ort und beschließen dort oben zu frühstücken.

Vom Fire Tower aus hat man eine gigantische Weitsicht über die umliegende Seenlandschaft. Aber dort oben herrscht ein enormer Wind, der uns eiskalt um die Ohren saust.

Wir genießen die Aussicht, ich glaube, wir sind alle etwas überdreht. Die schaurig-lustige Halloween-Nacht, die lange Fahrt und jetzt wieder in der Wildnis, es herrscht supergute Laune, die Vorfreude auf das Wochenende reißt uns alle mit. Wir verlassen den Turm wieder, um unten in der Sonne ein kurzes Frühstück - bestehend aus Müslibuns und Pfefferminztee - einzuschieben. Dann fahren wir in Ort zurück.

Südwestlich des kleinen Örtchens erstreckt sich der Lake Temagami, ein See mit 500 km Küstenlinie und mehr als 1600 Inseln. Dort wollen wir zwei Tage mit dem Kanu auf Paddeltour gehen, der Zivilisation entfliehen.

So machen wir uns auf den Weg zur Access Road, einer 17 km langen Schotterpiste, mal wieder Berg- und Talfahrt. Schließlich erreichen wir die Stelle, an der wir unsere Kanus zu Wasser lassen wollen. Auch hier herrscht ein strenger Wind, der See ist aufgewühlt, Wellen mit Schaumkronen erwarten uns.

Während wir die Boote beladen kommen vier Männer mit ihren Kanus vom See herein. Sie warnen uns eindringlich, nicht leichtsinnig zu sein, der See sein ein "Killer", letztes Jahr seien hier 12 junge Leute bei einer Paddeltour gestorben, weil sie in einen Sturm geraten seien. Wir versichern den Männern, dass wir aufpassen werden, aber irgendwie freue ich mich schon auf die Herausforderung, gegen den Wind anzugehen.

Und tatsächlich, der Wind kommt direkt von vorne als wir nordwärts paddeln. Die Kanus werden zeitweise ordentlich gebeutelt, die ein oder andere Welle schwappt schon mal ins Boot, aber dennoch - es ist alles im grünen Bereich. Man muss recht kräftig paddeln, um bei diesem Gegenwind noch voranzukommen und so machen wir nach einer halben Stunde eine erste Snackpause.

Als wir wieder aufbrechen haben sich die Wellen etwas beruhigt, von nun an ist nicht mehr ganz so schwer, etwas Fahrt zu machen.

Wir paddeln noch ein paar Kilometer weiter, um dann an einem Campground eine Mittagspause einzulegen.

Wir futtern uns voll mit Brot, Käse und einem wieder mal genialen Nuss-Mix. Unmittelbar danach setzt eine Fressnarkose ein, die uns alle für eine Stunde außer Gefecht setzt. Wir haben noch etwas Schlaf nachzuholen und das Wetter lädt gerade zu dazu ein, ein wenig sich hinzulegen.

Irgendwann raffen wir uns wieder auf, schließlich wollen wir schon noch ein wenig weiter kommen.

Wir steuern in einen der vielen Seitenarme des See, passieren Birch Lake und erreichen den Platz für unser Nachtlager am frühen Abend. Schnell sind die Zelte aufgestellt, danach gönnen wir uns erst noch einmal ein Sonnenbad in den letzten Sonnenstrahlen des Tages. Der Platz liegt auf einem Felsplateau, einige Meter über dem Wasser, wir haben eine wundervolle Aussicht auf die gegenüberliegende Bucht, über der die Sonne in einer Stunde untergehen wird.

Der Hunger ermahnt uns, mit dem Kochen anzufangen, aber zunächst strömen wir in den Wald aus, um Feuerholz zu organisieren.

Es gibt mal wieder Nudeln mit Tomatensoße, von denen ich zunächst ungeschickterweise einige Nudeln auf dem Boden verteile, um diese dann mit etwas Soße zu verfeinern. Wir retten, was zu retten ist, es reicht auch so noch, uns alle satt zu bekommen. Es ist mittlerweile dunkel geworden, ein sternenklarer Himmel kündigt eine frostige Nacht an. Als ich einmal zu Himmel hoch schaue denke ich noch, Mensch, jetzt ziehen doch tatsächlich Wolken auf, aber plötzlich sind sie wieder verschwunden. Wir schauen etwas deutlicher hin und stellen fest, dass wir soeben Nordlichter gesehen haben. In den nächsten zwei Stunden verstärken sich die Lichter, sie nehmen eine grüne oder zum Teil auch rote Farbe an und bewegen sich. An diesem Abend sehen wir außerdem noch so manche Sternschnuppe, Satelliten und seltsame, im Zickzack wandernde Lichtpunkte. Auf dem Höhepunkt bedecken die Nordlichter den gesamten Himmel über uns und bewegen sich (ein schnelles Erscheinen und Erlöschen), ein fantastisches Schauspiel.

(Für alle Freunde der Fotografie: die ersten beiden Bilder wurden mit einem 135mm Objektiv und einem 200iso Film gemacht. Belichtungszeit: ca. 10-15 sek bei Blende 2.8; Für die beiden nächsten Bilder habe ich ein 28 mm Objektiv mit einem Fisheye-Vorsatzobjektiv (Faktor 0,38) bei gleich bleibenden Einstellungen verwendet.)

Wir können uns nicht von dem Anblick losreißen, es ist einfach zu beeindruckend und ergreifend. Irgendwann fängt Peter an, über irgend einen Spruch zu lachen, ein Gekichere in das jeder mit einstimmen muss und aus dem wir den ganzen Abend nicht so recht herauskommen.

Schließlich - es ist schon nach Mitternacht - werden die Erscheinungen schwächer, aber Tim, der Nachts noch mal aus dem Zelt muss, berichtet am nächsten Morgen, dass die Nordlichter auch um 5:00 Uhr noch zu sehen gewesen seien.

Die Nacht ist eisig kalt, zumindest an Kondenswasser, das von der Zeltinnenseite herunter gelaufen und an meinem Schlafsack angefroren ist, kann man dies erkennen. Aber auch unser Gepäck, das vor dem Zelt lag, ist am nächsten Morgen mit einer Eisschicht überzogen.

Sonntag

Das Wasser in den Töpfen ist zu Eis erstarrt, mit den Eisplatten daraus machen wir morgendliche Frisbee-Wurfübungen. Um der Kälte eine wenig zu begegnen, entfachen wir das Feuer wieder und bereiten heiße Schokolade zu und machen Milch für unser Oatmeal-Frühstück warm.

Unsere Frisuren sind etwas zerstört, ein Überbleibsel einer Nacht mit einer Mütze auf dem Kopf. ;-)

Unser Frühstück dauert lange an, keiner will so richtig Stress machen und wir sind alle recht froh, keinen anstrengenden Tagensplan erfüllen zu müssen. In aller Ruhe packen wir unsere Sachen, bauen die Zelte ab und löschen das Feuer. Am späten Vormittag besteigen wir dann wieder die Kanus und machen uns auf den Rückweg zum Auto.

Wir sind wirklich faul und paddeln nur lax vor uns hin. Doch aus der Faulheit werden meist die besten Ideen geboren und so versuchen wir das auszunutzen, was uns am Vortag den Weg hierher so beschwerlich gemacht hat. So binden wir den beiden Kanus zusammen und spannen das Überzelt als Segel auf.

Plötzlich geht es richtig flott voran, wir machen ordentlich Fahrt. Wir stoppen auf dem Rückweg nur für eine Mittagspause auf einem sonnenüberfluteten Felsen, spielen ein wenig Hakki-Sac und aalen uns in der Sonne. Ansonsten schaffen wir den Weg zurück in Rekordzeit und ohne auch nur fünf Minuten gepaddelt zu haben.

Wir erreichen den Wagen am Nachmittag, beladen ihn und machen uns nach einer weiteren Runde Hakki-Sac auf die Heimfahrt. Die Schotterpiste rüttelt uns so richtig wach, aber - nur fliegen ist schöner ;-). Wir stoppen noch einmal in North Bay an einem einsamen Strand am Nipissing Lake. Hier mampfen wir die Reste unseres Spezial-Nuss-Mixes und das restliche Obst. Zur Verdauung spielen wir noch mal Hakki-Sac und eine Runde Frisbee.

Ein grandioser Sonnenuntergang lässt uns die hereinbrechende Kühle vergessen.

Wir machen uns wieder auf den Weg, die Kälte hat uns doch vertrieben. So stoppen wir noch kurz, um bei Tim Horton's einen Kaffee einzufahren, dann geht's auf die Heimreise. Spät in der Nacht erreichen wir Waterloo, diesmal hatten wir sogar genug Schlaf am Wochenende, um das Defizit, das sich während der Woche aufgebaut hat, zu verringern. Gut erholt starten wir in die neue Woche, die nur recht kurz sein wird, denn das nächste Wochenende steht praktisch schon vor der Tür.
 

 

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